Fröhliche Flucht in mythische Welten
Das Theater Chemnitz bringt die Oper „Die Rose vom Liebesgarten“ auf die Bühne – als Parodie
(von Jens Daniel Schubert, Sächsische Zeitung 06.12.2008)
Wenn Siegnot Minneleide aus den Händen des Nachtwunderers zu befreien versucht, ist man entweder bei Richard Wagner oder seiner Parodie. Hans Pfitzner, spätromantischer deutscher Opernkomponist zwischen Richard Wagner und Richard Strauss, hat „Die Rose vom Liebesgarten“ sicherlich ernst gemeint. Jener paradiesische Frühlingsgarten ewiger Jugend, der gegen die Grauweltler abgeschirmt und vor den finsteren Mächten geschützt werden muss, passte in die romantischen Vorstellungen seiner Zeit. Er meinte sein Werk – die Liebesgeschichte, in der sein Held die Elfe aus dem Zwischenreich ins himmlische Licht zu führen versucht, aber in die Unterwelt abstürzt, also physisch scheitert, aber moralisch siegt – als eine ernsthafte Parabel zur frühkapitalistischen Welt und ihren Erlösungsutopien. Doch seine Hoffnungen gehen nicht auf. Nicht einmal auf dem Theater haben sie sich behauptet. „Die Rose vom Liebesgarten“ ist eine vergessene Oper.
Nun hat sich das Opernhaus Chemnitz an ihr versucht. Premiere war vor einer Woche. Noch ist das Haus in der Lage, Opern ausgewachsenen Wagner-Formats in hoher Qualität zu musizieren und verfügt über einschlägige Erfahrungen. Domonkos Héja und die Schumann-Philharmonie, ein bestens präparierter Chor und Kinderchor und teils überragende Solisten machten Pfitzner zum Hörgenuss. Inszenierung und Bühne stammen von Jürgen R. Weber, seine Konzeption heißt Parodie. Er inszeniert eine Paraphrase zu Pfitzners Oper. Bühnenbild und die Kostüme von Sven Bindseil assoziieren Fantasy zwischen „Herr der Ringe“, „Star Trek“ und „Man in Black“. So spottet er nicht nur über die Auswüchse spätromantischer Opernkunst, sondern zeigt, dass die Flucht in mythische Welten, wo Helden das Gute gegen übermächtig Böses durchsetzen, Männer männlich und Frauen sexy Objekte ihrer Begierden sind, bis heute ihre Anhänger findet.
Natürlich erzählt Weber keine schlüssige Geschichte. Er versucht auch nicht, die metaphysische Parabel über die das Triviale besiegende Idee, die Pfitzner vorgeschwebt haben mag, zu enträtseln und mit heutigen theatralischen Mitteln neu zu erzählen. Er spielt, durch die Choreografien von Lode Devos treffend unterstützt, auf der Bühne die prägnant kurz gefasste Inhaltsangabe der Szenen samt ihrer respektlosen Kommentare, die er comicartig rechts und links der Bühne einblenden lässt. Das ermuntert zu distanzierter Komik, auch wenn sich im Premierenpublikum das befreiende Lachen nur höchst selten einstellte. Dennoch war die Inszenierung so spannend und schlüssig, dass sich trotz hervorragender Sängerleistungen und durchaus vorhandener Zäsuren keine Hand zum Zwischenapplaus rührte.
Erin Caves in der Rolle des Siegnot – hier ein versehentlich aufgestiegener Hausmeister – ist ein Heldentenor, wie man ihn sich für diese Partie nicht besser wünschen kann. Kouta Räsänen ist ausdrucksstarker, stimmkräftiger Gegenpart in der Figur des Nachtwunderers. Glänzend auch Astrid Weber, die als Minneleide nicht nur stimmlich überzeugte, sondern auch mit ihrem Spiel Widersprüche und Entwicklungen dieser Figur nachvollziehbar zu zeigen suchte. Großen Einsatz zeigten auch die weiteren Solisten, Chöre und die Komparserie, besonders hervorzuheben die Leistungen des Balletts, das sich wandlungsfähig und ausdrucksstark präsentierte. Zum Abschluss des auch in der Länge an Wagner erinnernden Opernabends gab es langen, dankbaren Applaus, insbesondere für die musikalische Seite. |