Fantasy-Schabernack mit Karl Marx
Hier war er Teil einer Inszenierung, die das viel zu selten gespielte Werk, eine nachwagnersche Märchen- und Jugendstiloper mit düster-schopenhauerischen Zügen, in die neumodische Fantasy-Sphäre zu versetzen unternahm. Das hätte Verflachung, ungute Trivialisierung bedeuten können. Doch der Szeniker Jürgen W. Weber (Regisseur und Bühnenbildner) verfuhr umsichtig und sensibel genug, um Abstürze jeglicher Sorte zu vermeiden. Ohne allzu lehrhafte psychologisierende Akzente gelang ihm eine Verbindung von Buntheit und Tiefsinn.
Mit dem Wagner-Aufguss der Bühnendichtung von James Grun ernstlich “philologisch” sich zu beschäftigen, wäre vielleicht verlorene Liebesmüh’. Die Handlung präsentiert sich als undurchdringliches Gestrüpp qualstrig-schwülstiger Motive. Gut herausschälen lässt sich jedoch das (gewiss banale) Grundmuster des Kampfes zwischen Gut und Böse. Das Heldenpaar Siegnot und Minneleide (ach, wie treudeutsch doch die Namen!) reist prüfungsbedrängt zwischen Ober- und Unterwelten und geht dabei zugrunde. Gegönnt wird nur eine zarte opernhafte Finalverklärung. Pfitzner, der berufene Tondichter für die Disziplinen Angst, Sorge und Tod. Die Titel-Rose ist so etwas wie ein unkräftiges Zaubermittel, Schlüssel einer unerreichten Utopie.
Weber verfährt mit einer liebevoll die Unwirklichkeiten ausstaffierenden Phantasie (unterstützt von bizarren Kostümen Sven Bindseils). Da gibt es die stummen Doppelfiguren einer “siamesischen” Göttin, ein Körper mit Brüsten, einer ohne (weil männlich) und eines ballettös perfekten “Schatten”-Paares oder eine ingrimmige Wächterfigur mit Krebsscheren statt Händen. Und der erzböse Nacht-Wunderer (ein wirklich schön exaltierter Name!) tritt mit einem parallel den Mund aufreißenden Handpuppen-Double auf.
Für Verfremdung sorgen seitliche Schrifttafeln, ein nützlich auf Distanz haltender Cicerone, der klug die Balance hält zwischen lässigem Schabernack und pietätvoller Einstimmung in die Situationen, die sich auf diese Weise oft doch überraschend klären. Insgesamt eine bewundernswerte Aufschließungs- und Einfühlungsarbeit. Ohne gerodet zu werden, wird hier ein Operndschungel ansprechend gegliedert und gelichtet.
Die Ausgrabung lohnt sich vor allem angesichts einer immens reichen, von halluzinatorischer Klanglichkeit erfüllten Musik. Zunächst dominieren das Naturhafte, Ornamentale, fesselloser Schönklang. Vom dritten der vier großen Bilder an wird es finsterer, schon mit einem Orchestervorspiel, das mit tropfendem, pochendem Insistieren zur vorletzten Jahrhundertwende zweifellos so modern wirkte wie kaum etwas damals Zeitgenössisches. Vor dem letzten Bild (Epilog) erklingt ein dröhnend-schwerer Trauermarsch, chthonisch-gewaltig wie zwei, drei Siegfried-Kondukte. Als hängten sich Bleigewichte an die Märchenoper, die mit solcher Unrundheit auch problematisch wird. Aber das Problematische ist ja oft gerade das Faszinierende an Pfitzners nächtlicher Poetik.
Auch in Chemnitz bohrte der Tarifstreit der Orchester, aber die Premiere wurde zum Glück nicht unmöglich gemacht. Ohne das voll aufblühende Orchesterkolorit wäre die “Rose” leblos. Unter der souveränen Leitung des kurzfristig eingesprungenen Domonkos Héja wuchs das Chemnitzer Opernorchester förmlich über seine Grenzen hinaus. Auch die sängerdarstellerischen Leistungen waren vorzüglich. Atemberaubend die erotische Bühnenpräsenz der Minneleide von Astrid Weber, einer ranken Barbarella mit dramatisch zupackender, sicherer, gut fokussierter Sopranhöhe. Von ganz anderem Temperament ihr Siegnot-Partner Erin Caves, in aller Beweglichkeit relaxt und gänzlich ungezwungen, eben von bester Heldentenor-Art.
Oper Chemnitz, 6. Dezember, 8., 24. Januar. www.theater-chemnitz.de
