Archive for Dezember 6th, 2008

Samstag, Dezember 06th, 2008 | Author: Jürgen R. Weber
“Rose vom Liebesgarten”

Fantasy-Schabernack mit Karl Marx

VON HANS-KLAUS JUNGHEINRICH
Mitten in Chemnitz thront vor einem schnöden Plattenbau ein metallisch strotzender Karl-Marx-Kopf, voluminös wie mindestens hundert zusammengebackene Stierhäupter. Nicht übel, dass sich dieses Objekt offenbar als denkmalgeschützt erweist auch in für den Nachgebildeten schwereren Zeiten. Zum allgemeinen Vergnügen des mit Marxbildern reichlich vertrauten Publikums erlebte der Kopf eine monströse Wiederkehr im nahen Opernhaus, wo er den Wolfsschlucht-Grusel einer bleckenden Bühnenarchitektur und den unterirdischen Horror im zweiten Akt von Hans Pfitzners Oper “Die Rose vom Liebesgarten” effektvoll steigerte.

Hier war er Teil einer Inszenierung, die das viel zu selten gespielte Werk, eine nachwagnersche Märchen- und Jugendstiloper mit düster-schopenhauerischen Zügen, in die neumodische Fantasy-Sphäre zu versetzen unternahm. Das hätte Verflachung, ungute Trivialisierung bedeuten können. Doch der Szeniker Jürgen W. Weber (Regisseur und Bühnenbildner) verfuhr umsichtig und sensibel genug, um Abstürze jeglicher Sorte zu vermeiden. Ohne allzu lehrhafte psychologisierende Akzente gelang ihm eine Verbindung von Buntheit und Tiefsinn.

Mit dem Wagner-Aufguss der Bühnendichtung von James Grun ernstlich “philologisch” sich zu beschäftigen, wäre vielleicht verlorene Liebesmüh’. Die Handlung präsentiert sich als undurchdringliches Gestrüpp qualstrig-schwülstiger Motive. Gut herausschälen lässt sich jedoch das (gewiss banale) Grundmuster des Kampfes zwischen Gut und Böse. Das Heldenpaar Siegnot und Minneleide (ach, wie treudeutsch doch die Namen!) reist prüfungsbedrängt zwischen Ober- und Unterwelten und geht dabei zugrunde. Gegönnt wird nur eine zarte opernhafte Finalverklärung. Pfitzner, der berufene Tondichter für die Disziplinen Angst, Sorge und Tod. Die Titel-Rose ist so etwas wie ein unkräftiges Zaubermittel, Schlüssel einer unerreichten Utopie.

Weber verfährt mit einer liebevoll die Unwirklichkeiten ausstaffierenden Phantasie (unterstützt von bizarren Kostümen Sven Bindseils). Da gibt es die stummen Doppelfiguren einer “siamesischen” Göttin, ein Körper mit Brüsten, einer ohne (weil männlich) und eines ballettös perfekten “Schatten”-Paares oder eine ingrimmige Wächterfigur mit Krebsscheren statt Händen. Und der erzböse Nacht-Wunderer (ein wirklich schön exaltierter Name!) tritt mit einem parallel den Mund aufreißenden Handpuppen-Double auf.

Für Verfremdung sorgen seitliche Schrifttafeln, ein nützlich auf Distanz haltender Cicerone, der klug die Balance hält zwischen lässigem Schabernack und pietätvoller Einstimmung in die Situationen, die sich auf diese Weise oft doch überraschend klären. Insgesamt eine bewundernswerte Aufschließungs- und Einfühlungsarbeit. Ohne gerodet zu werden, wird hier ein Operndschungel ansprechend gegliedert und gelichtet.

Die Ausgrabung lohnt sich vor allem angesichts einer immens reichen, von halluzinatorischer Klanglichkeit erfüllten Musik. Zunächst dominieren das Naturhafte, Ornamentale, fesselloser Schönklang. Vom dritten der vier großen Bilder an wird es finsterer, schon mit einem Orchestervorspiel, das mit tropfendem, pochendem Insistieren zur vorletzten Jahrhundertwende zweifellos so modern wirkte wie kaum etwas damals Zeitgenössisches. Vor dem letzten Bild (Epilog) erklingt ein dröhnend-schwerer Trauermarsch, chthonisch-gewaltig wie zwei, drei Siegfried-Kondukte. Als hängten sich Bleigewichte an die Märchenoper, die mit solcher Unrundheit auch problematisch wird. Aber das Problematische ist ja oft gerade das Faszinierende an Pfitzners nächtlicher Poetik.

Auch in Chemnitz bohrte der Tarifstreit der Orchester, aber die Premiere wurde zum Glück nicht unmöglich gemacht. Ohne das voll aufblühende Orchesterkolorit wäre die “Rose” leblos. Unter der souveränen Leitung des kurzfristig eingesprungenen Domonkos Héja wuchs das Chemnitzer Opernorchester förmlich über seine Grenzen hinaus. Auch die sängerdarstellerischen Leistungen waren vorzüglich. Atemberaubend die erotische Bühnenpräsenz der Minneleide von Astrid Weber, einer ranken Barbarella mit dramatisch zupackender, sicherer, gut fokussierter Sopranhöhe. Von ganz anderem Temperament ihr Siegnot-Partner Erin Caves, in aller Beweglichkeit relaxt und gänzlich ungezwungen, eben von bester Heldentenor-Art.

Oper Chemnitz, 6. Dezember, 8., 24. Januar. www.theater-chemnitz.de


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Samstag, Dezember 06th, 2008 | Author: Jürgen R. Weber

“Spektakuläre Bilder, obsessive Gedankenwelten.”
Marianne Schultz // Freie Presse

“Von den vielen gelungenen und ungewöhnlichen Ideen Webers einige herauszuheben fällt schwer.”
Toni Hildebrandt // klassik com

“Die Chemnitzer Neuinszenierung von Jürgen R. Weber (Regie und Bühne) mit dem spürbaren Ernst zur intelligenten Persiflage”
Gerhard Rohde // Frankfurter Allgemeine Zeitung

“…der Szeniker Jürgen R. Weber (Regisseur und Bühnenbildner) verfuhr umsichtig und sensibel genug, um Abstürze jeglicher Sorte zu vermeiden. Ohne allzu lehrhafte psychologisierende Akzente gelang ihm eine Verbindung von Buntheit und Tiefsinn.”
Hans-Klaus Jungheinrich // Frunkfurter Rundschau

“Gesungen und getanzt (…) wird auf hohem Niveau. Der ungeteilte, anerkennende Bravo-Beifall gilt den Sängern und Darstellern genauso wie den Musikern im Graben und dem Regieteam.”
Axel Göritz  //  Opernnetz

“Eine insgesamt gelungene Produktion, die Appetit auf weitere „Ausgrabungen“ der Oper Chemnitz macht.”
Dr. Andreas Gerth //  Operapoint

“Die Inszenierung ist darin besonders gelungen, indem sie das Unvereinbare nebeneinander stellt, den schönen Klang und den schmutzigen Gang der Dinge. “
Boris Michael Gruhl //  Dresdner Neueste Nachrichten

“Weber gelingt es der spätromantischen Oper Pfitzners eine neue Gestalt zu geben, ohne den Sinn der Oper zu zerstören.(…) Fazit, die Neuinterpretation tat dem Werk Pfitzners gut, es besteht berechtigte Hoffnung, dass mit dieser Oper ein jüngeres Publikum angesprochen werden könnte.”
Alxander Hauer // Der Opernfreund

“Es gibt mystisch-schöne Tanzszenen…    Wie im Leben: Wohlgeformte unbedeckte Frauenbeine lassen Siegnot seine Pflicht vergessen. Es kommt also erst Sex, dann Liebe ins Spiel – und plötzlich ist der geile eitle Hausmeister tot.”
Ch. Hamann-Pönisch  //  MoPo Chemnitz

“Die überzeugende Führung der Darsteller hatte wesentlichen Anteil am großen Erfolg der Premiere. “
Werner Wolf   // Neues Deutschland

“…die Inszenierung (war) so spannend und schlüssig, dass sich trotz hervorragender Sängerleistungen und durchaus vorhandener Zäsuren keine Hand zum Zwischenapplaus rührte.”
Jens Daniel Schubert //   Sächsische Zeitung

“In Abwandlung der letzten Worte im »Parsifal« setzt Regisseur und
Bühnenbildner Jürgen R. Weber lieber auf eine „Erlösung von den Erlösern“.
An Stelle von Jugendstil-Ästhetik deutet er auf die Welten der Fantasy und
Martial Arts, auf den allgegenwärtigen Kitsch und Trash unserer Tage.
Während der dreieinhalbstündigen, strichlosen Aufführung wird eine selten
anzutreffende Bilderfülle ausgebreitet, die selbst größere Häuser kaum zu
leisten in der Lage wären.°

K. G. v. Karais  //  Opernglas

“Und wenn das Stück insgesamt ein rechter Quark ist, hat wenigstens die Regie umso mehr Gelegenheit sich zu bewähren und das Ganze irgendwie zu retten. Und das gelingt: Die Rose ein bloßes Dingsymbol, der Liebesgarten eine idealische Sphäre, in der es einerseits von Wesen wimmelt, in die es aber ein Frau Minneleide einfach nicht schaffen will - von der Handlung lohn sich nicht zu reden, aber Jürgen R. Weber weiß etwas damit anzufangen.
Stadtstreicher Januar 2009 // Eske Bockelmann

“Damit balanciert er, (Jürgen R. Weber), souverän zwischen Nacherzählung, opulenter Bebilderung und dezenter Ironie. Zum Verständnis tragen dabei jene witzigen Texteinblendungen bei, die die jeweiligen Szenen nicht nur knapp zusammenfassen, sondern zugleich auch mit einer ironischen Distanz kommentieren.
Online Music Magazin // Joachim Lange

Chemnitz tackled the largely forgotten, largely forgettable Die Rose vom Liebesgarten in a very professional staging.
Playbill Arts // Jens F. Laurson

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