Archive for Dezember 5th, 2008

Freitag, Dezember 05th, 2008 | Author: Jürgen R. Weber

‚Die Rose vom Liebesgarten’ als Märchen für Erwachsene in der Chemnitzer Oper

Tod eines Hausmeisters

CHEMNITZ – Siegnot wienert noch fix das WC, bevor er der Elfe Minneleide an die Wäsche geht, zwei „Zwölfen“ sitzen daumenlutschend nahebei, das halb zerzauste Moormännlein schaut zu und popelt beschwingt.

Ja, lustig ist das Leben zwischen Unterwelt und Paradies, meint Jürgen R. Weber (Regie, Bühne) und hat aus Hans Pfitzners (1869-1949) Oper „Die Rose vom Liebesgarten“ für Chemnitz ein irres, verspieltes, ironisches, oft witziges und auch sehr langes Fantastical gebastelt.
Die Bewohner des Liebesgartens – ein „Hochsicherheitsparadies“ mit Stahltüren und rabiaten Wächtern – können nach Ablauf der Haltbarkeitsdauer mit viel Dampf und so was wie einem Akku-Ladegerät ihr Leben verlängern, Fremde dürfen nicht rein, regelmäßig wird geputzt. „Schön ist das Leben, es ist so wohlig eingerichtet“, trällert der ordnungsliebende Hausmeister, als er seinen Schrubber abgibt, Krone, Schwert, Ballermann übernimmt und zum Einlasstorwächter Siegnot ernannt wird. Spätestens hier merkt man, dass die Inszenierung Oper, Film, TV, Fantasykrempel und wohl auch Publikum heftig auf die (Garten-)Schippe nimmt. Siegnot ist ein gülden-bewamster Schwarzenegger-Verschnitt von Conan und Terminator mit naiver Schwänzchenmalerei auf den Epauletten.
Humorbereitschaft ist unbedingt erforderlich. Weber lässt die Liebesgärtner durch ein übergroßes WC schlüpfen, mit Gliedmaßen herumschlenkern, um ein naturgetreues Marx-Monument schleichen und von einem Monster mit Scherenhänden drangsalieren. Rechts und links der Bühne sind zum skurrilen Geschehen die bitterbös-drolligen Kommentare des Nachtwunderers zu lesen – zum geplanten Einmarsch in den Liebesgarten: „Wenn  nicht, auch egal. Hauptsache Spaß.“ Es gibt mystisch-schöne Tanzszenen mit Grauweltlern in feinem Anzug, aber mit sehr begrenztem Bewegungsradius, Zwittergöttin, Schatten und Schättin.
Originelles Trillern würzt die schwermütige, stellenweise dramatische Musik Pfitzners, die von der Robert-Schumann-Philharmonie aus der Unterwelt nach oben dringt, dazu ein Großaufgebot aus Chor, Kinderchor, Ballett und Komparserie.
Wie im Leben: Wohlgeformte unbedeckte Frauenbeine lassen Siegnot seine Pflicht vergessen. Es kommt also erst Sex, dann Liebe ins Spiel – und plötzlich ist der geile eitle Hausmeister tot. Einzelne im Publikum warteten zur Premiere am Sonnabend nicht so lange und flüchteten in der Pause, dann aber verhalten-langer Beifall, paar verschämte Protestrufe, Bravos vor allem für Astrid Weber (großartige Minneleide), Erin Caves (ein Siegnot mit Augenzwinkern), Kouta Räsänen (dämonisch-putziger Nachtwunderer) und Dirigent Domonkos Héja. In weiteren Rollen gut drauf in diesem Opern-Comic Tiina Penttinen, Jana Büchner, Andreas Kindschuh, André Riemer. „Alte Rätsel sind gelöst, neue Rätsel tun sich auf“, liest man am Schluss und geht rätselnd, aber feixend davon.

Ch. Hamann-Pönisch

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Freitag, Dezember 05th, 2008 | Author: Jürgen R. Weber

Ach du heilige Kiste!
Chemnitz bringt Hans Pfitzners „Die Rose vom Liebesgarten“ auf die Opernbühne

Was da von Wagner nicht ganz weg und beim Strauss nicht ganz angekommen ist, das klingt im Chemnitzer Opernhaus ausgesprochen gut, und gemeinsam mit einem hervorragenden Sängerensemble wird die Premiere von Hans Pfitzners mächtigem Opus „Die Rose vom Liebesgarten“ zum musikalischen Ereignis, zu dem die Reise auf jeden Fall lohnt. Die scheinbar respektlose Inszenierung sollte man erst sehen, bevor man darüber meckert, sie schadet dem Blickwinkel ebenso wenig wie der Klang der Weite des Gehörs.
1901 in Elberfeld uraufgeführt, drei Jahre später in Wien nachgespielt, von Reger und Mahler gelobt, 1939 von Pfitzner bearbeitet, 1957 noch einmal durch den Dirigenten Robert Heger, ist dem Werk der Erfolg nicht beschieden. Ob die geplanten acht Chemnitzer Aufführungen, Direktübertragung der Premiere bei MDR Figaro und die Sendung der Aufzeichnung am 13. Dezember bei Deutschlandradio Kultur daran etwas ändern können, bleibt abzuwarten.
Der Dirigent Domonkos Héja und die Robert-Schumann-Philharmonie nähern sich der Partitur mit Sensibilität und Sorgfalt. Die rheingoldigen und walkürenhaften Klänge, die vorgeahnten Klagetöne der Färberin aus Richard Strauss’ „Frau ohne Schatten“ sind beispielsweise verflochten in Pfitzners romantischer Poesie, die sich ganz bewusst zurückwendet und möglichen Misstönen oder klingenden Widersprüchen, die dem kosmischen Erlösungsschauerstück durchaus eigen sein könnten, geradezu angstbesessen entsagt.
Da sind in Chemnitz bei Pfitzners Musik, die so ist, wie sie ist, und so ein klingendes Zeitzeugnis an der Schwelle des so unseligen letzten Jahrhunderts darstellt, neben lyrischer Meisterschaft und flirrendem Farbreichtum auch dumpfer, grauer Leerlauf, verklärende Überhöhungen des Banalen zu erleben. Als Meister des Dramatischen erweist sich Pfitzner nicht, und seinem Mystizismus mangelt es an Spiritualität.
Zum Chemnitzer Orchesterglück kommt das des von Mary Adelyn Kauffman bestens vorbereiteten Chores, sichtbar oder unsichtbar, Damen, Herren, alle zusammen mit Kinderchor, das ist verlässliche Qualität mit Maß und Form.
In den beiden Hauptpartien, Siegnot und Minneleide, bieten der Tenor Erin Caves und Sopranistin Astrid Weber Leistungen, deren gesangliche Intensität bei bewunderungswürdiger Schönheit des Klanges schwer zu übertreffen sein dürfte. Das sind Partien von Wagnerschen Dimensionen mit Ausflügen in die hohen Gefilde bei Strauss, liedhafte Zurücknahme ebenso wie der Anflug zu dramatischem Aufbruch, dabei alles von ganz eigenem Ton und Duktus.
War Pfitzner so frei, mit seinem Textmacher James Grun die Erlösungsmär von Licht und Finsternis, von Oben und Unten, von Frühling und Winter, Gut und Böse ohnehin, in ein germanisch, christlich behauchtes mittelmäßiges Märchengefilde mit Mittelalterambiente zu verlegen, so nimmt sich Jürgen R. Weber die Freiheit, in wüstem Stilgemisch Comic-, Cartoon-, Comedy- vor allem Fantasy-Ästhetik zu zitieren. Nutzte der Komponist den Baukasten der Vergangenheit, nutzt der Regisseur auf eigener Bühne den der Gegenwart, um damit einen Blick zurück aus ferner Zukunft zu werfen. Er zwinkert dabei gern und überdeutlich mit den Augen, kalauert in den Projektionen mal mehr und mal weniger geistreich, die links und rechts von der Bühne den Gang der unglaublichsten Dinge kommentieren.
So gilt der Reinlichkeit im „Hochsicherheits-Paradies“ des Vorspiels oberstes Gebot und nur weil der Hausmeister versehentlich die heilige Kiste öffnet, nimmt die Geschichte ihren Lauf samt heiliger Rose, die dem ahnungslosen Werktätigen aus der Brust wächst und ihn in Ermangelung eines anderen zum Frühlingswächter mit nicht ganz unverdächtigem Namen „Siegnot“ macht. Schwer verletzt im Kampf um den Endsieg gegen alle Mutanten, Grauen und Schwarzen, erlöst er sterbend die von den beiden „Zwölfen“ begleitete Elfe Minneleide, die ihrerseits vom grausigen Winterwächter daran gehindert wird, in den paradiesischen Liebesgarten zu gelangen.
Die Reise der seltsamen Akteure vom Liebesgarten in die Unterwelt geht durch ein riesiges Klobecken, führt in eine Basalthöhle, Endlager für Ideologien, rund um den Chemnitzer „Nischel“ und wieder herauf. Wo das alles hinführt, ist nicht immer gleich zu erraten. Und ob hier überhaupt noch was zu retten ist, bleibt unklar wie der lediglich zu ahnende unsichtbare Gesang von der Gnade am Ende des Werkes. Gnadenlos schön klingt die Vertröstung auf ewiges Leben im Liebesgarten.
Webers Inszenierung, choreografisch bildkräftig unterstützt von zwölf Tänzerinnen und Tänzern in der Choreografie von Lode Devos, Sängerinnen und Sängern als so skurrile wie unheimliche Geschöpfe in Sven Bindseils Kostümen aus wacher Fantasie, ist ein so bissiger wie streitbarer Kommentar zum Werk eines Komponisten, der als unbelehrbarer Antisemit nicht zu rehabilitieren ist. Die Inszenierung ist darin besonders gelungen, indem sie das Unvereinbare nebeneinander stellt, den schönen Klang und den schmutzigen Gang der Dinge. Sie ist von feiner Ironie, wenn kraft einer gezielten Ohrfeige, gepaart mit kräftigem hohem Ton der Sopranistin, ein Monster zur Strecke gebracht wird, wenn es zum fadenscheinigen Finale keine roten Rosen regnet, sondern unzählige liebliche kleine, possierlich drehende, tänzelnde Fliegerbömbchen herab flirren. Das hat schon Sprengkraft.

Boris Michael Gruhl
Dresdner Neueste Nachrichten, 5.12.2008

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Freitag, Dezember 05th, 2008 | Author: Jürgen R. Weber

Wer kann sich noch an etwas erinnern??? Schreibt!!!

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Freitag, Dezember 05th, 2008 | Author: Jürgen R. Weber

„Hochinteressante Musik und eine merkwürdige Handlung“
Premiere für Pfitzner-Oper „Die Rose vom Liebesgarten“ – Besucher zeigen sich irritiert bis begeistert

Spektakuläre Bilder, obsessive Gedankenwelten: Am Sonnabend bekamen die Premierengäste von „Die Rose vom Liebesgarten“ von Hans Pfitzner im Opernhaus einen Geschmack davon, wie weit die Fantasie von Regisseur Jürgen R. Weber reicht. Er bot ein ganzes Universum an schrägen Gestalten für die Jugendstil-Oper auf, erzählte das plunderige Märchen in heutigen Bildern.
Der Zuschauer machte die Bekanntschaft von stummen getanzten Rollen mit Schatten, von Zwittergöttern, aber auch der sieben Todsünden in derbster Ausprägung, und eines überdimensionierten Klos als Eingang zur Unterwelt. Launig-freche Kommentare zum Bühnengeschehen im Stile von Loriots „Ring-Fassung“ sollten Einsteiger oder auch frustrierte Bildungsbürger erlösen, die mit dem Bilderreichtum eines Hans Pfitzner nicht sofort etwas anzufangen wussten.
Das Publikum im voll besetzten Haus reagierte nach dreieinhalb Stunden überaus freundlich auf die überbordenden Fantasien, die Robocop-Pantomime sowie auf die Persiflage auf Karl Marx. „Herrlich fantasievoll, sehr einfallsreich inszeniert, traumhaft schöne Kostüme“, sagte Kathi Halama. Thomas Hähnel pflichtete ihr bei. „Man merkt gar nicht, wie die Zeit vergeht“, so Hähnel. Karl-Gerhard Schmidt, Vorsitzender des Theaterfördervereins: „Die Musik ist hochinteressant und für mich neu. Es wird gut musiziert und gesungen. Die Handlung allerdings ist sehr merkwürdig.“ Ihn habe überrascht, wie intelligent der Regisseur mit dem Märchen umgegangen sei. „Weber respektiert und ironisiert es zugleich. Wäre das nicht der Fall, wäre es unerträglich“, fasste er zusammen. Claus Fischer war für den Rundfunksender NDR-Kultur in Chemnitz. „Die Regie ist frech genug, die krude Story nicht ernst zu nehmen. Der Gesang ist sehr in Ordnung, die Choreografie ausgezeichnet.“
Zur Premierenfeier konnte auch Bettina Volksdorf von MDR-Figaro endlich durchatmen. Sie hatte den Abend für das Radio gemeinsam mit Stefan Lang von Deutschlandradio Kultur live moderiert. Hat ihnen die Aufführung gefallen? „Absolut“, so Volksdorf. „Diese Ausgrabung hat sich gelohnt. Vielleicht hat das Werk Längen, jedoch eine ganz eigene, individuelle Sprache.“
Held der Stunde war Domonkos Héja, 1. Kapellmeister der Robert-Schumann-Philharmonie. Er sprang für den erkrankten Generalmusikdirektor Frank Beermann in die Bresche, hatte nur neun Tage Zeit, den schwierigen Pfitzner im Wagner-Format zu studieren. Strahlend, fröhlich und erleichtert resümierte er kurz vor Mitternacht: „Es ist super gelaufen.“

Marianne Schultz, Freie Presse, 01.12.2008

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Freitag, Dezember 05th, 2008 | Author: Jürgen R. Weber

Zauberischer Klang

Das Personal besteht aus Schatten und Schättin, Elfen und Zwölfen, Mutanten und Grauweltlern, einem Winter- und Frühlingswächter, einem zusammengewachsenen Doppelmeister, einer Zwittergöttin, Paradieslingen, einem Nachtwunderer und den beiden Hauptfiguren Siegnot und Minneleide, die im Paradies- und Liebesgarten, in der Grenz- und Unterwelt ihre Kämpfe zu bestehen haben. Eine verhüllte Heilige Kiste spielt dabei ebenso eine zentrale Rolle wie die Titel gebende Rose, die dem Helden Siegnot aus der Brust entwächst. Doch Elfenkönigin Minneleide verschmäht zunächst die magische Blume, wird trotz aufopfernden Kampfes von Siegnot an ihrer Seite in die Unterwelt entführt. Siegnot lässt nicht ab, folgt ihr in das Höhlenreich, wo sie gequält und geschunden wird. Im erneuten Kampf-Getümmel fällt der Held. Minneleide, inzwischen geläutert, schafft es wieder in die Oberwelt, gewinnt in der Trauer um den Verstorbenen neue Kraft, gelangt bis zum paradiesischen Liebesgarten, kann den grausamen Wächter besiegen, doch dieser reißt sie mit in den Tod.

Hans Pfitzners Die Rose vom Liebesgarten ist in ihrer verwunderlichen, ja kruden Geschichte nur aus ihrer Entstehungszeit - Uraufführung 1901 - zu verstehen, in der die Verarbeitung derartiger Märchen- und Sagenstoffe regelrecht en vogue war. Doch der wegen seiner späteren NS-Nähe nicht unumstrittene Komponist wollte mit seiner zweiten Oper doch wohl zu viel auf einmal. Wofür Richard Wagner mit seinem Ring des Nibelungen vier Abende benötigte, versucht Pfitzner in dreieinhalb Stunden zu schaffen: in einem verwirrenden Kosmos aus verschiedensten Märchenelementen eine einigermaßen stringente Handlung zu erzählen. Und Wagner wabert denn auch durch fast jeden Takt des spätromantischen Werks mit seiner Natursymbolik. Wenn Pfitzners Siegnot das Schwert ergreift, klingt es wie eine Parodie auf Wagners Walküren Siegmund, andere Stellen erinnern an Siegfrieds Rheinfahrt oder Hagens Mannen-Chor; Minneleides ergreifender und erschütternder Abschiedsgesang lässt unwillkürlich an Brünnhildens Ende denken. Der zauberische Klang, die romantischen Gefühle oder die dramatisch zwingenden Ausbrüche sind gekonnt eingesetzt - doch Pfitzner war mit seinen 32 Jahren vielleicht doch noch zu sehr im Banne seines großen Vorbildes, ihm zu sehr verhaftet.

Die Oper Chemnitz hat sich in ihrer Reihe der Ausgrabungen selten gespielter Werke dennoch an die Rose vom Liebesgarten gewagt - für Gustav Mahler das großartigste Werk seit der Walküre - und mit der Inszenierung von Jürgen R. Weber ein zumindest sehr unterhaltsames, ja spannendes Stück Musiktheater auf die Bühne gebracht. Seine Regie verzichtet zu Recht auf jegliche ideologische Auseinandersetzung, sondern setzt ganz auf den märchenhaften Stoff, der in ein buntes, bisweilen fast überbordendes Fantasy-Spektakel mündet. Die Geschichte wird zwar durchaus ernst genommen und nicht persifliert, aber doch mit viel Spaß und Augenzwinkern inszeniert. Für den Kern dieses überzeugenden Ansatzes (Weber ist auch sein eigener Bühnenbildner) mag stellvertretend die riesige Kloschüssel stehen, die bühnenbeherrschend den Durchschlupf in die Unterwelt symbolisiert und in der ganz realistisch Siegnot und Minneleide in die Tiefe entschwinden. Die köstlich aufgedonnerten Kostüme mit bizarrem Kopfschmuck (Sven Bindseil) - der Chor in einer Art Lederhosen-Outfit, Minneleide im weiß glitzernden Showfummel mit Sonnenbrille oder Federboa - passen wunderschön in diese Fantasy-Welt. Statt Übertiteln wird auf seitlichen Vorhängen der sonst kaum nachzuvollziehende Handlungsfortgang erzählt und zugleich mit angehängten ironischen Kommentaren aufgebrochen.

Gesungen und getanzt (Felipe Rocha und Ramona Capraro als Schatten und Schättin) wird auf hohem Niveau. Mit Erin Caves als Siegnot steht ein veritabler Heldentenor zur Verfügung, der nicht nur die kraftvollen Ausbrüche beherrscht, sondern auch den gebrochenen Helden glaubhaft zu verkörpern weiß. Auf gleicher Höhe agiert Astrid Weber mit ihrem dramatischen Sopran als zunächst überhebliche, wie später total verzweifelte, erschütterte Minneleide. Kouta Räsänen als Waffenmeister und Nachtwunderer, Andreas Kindschuh als Sangesmeister oder André Riemer als Moormann fügen sich ebenso stimmig in die Inszenierung wie Jana Büchner und Tiina Penttinen als Schwarzhilde und Rotelse. Der Chor hat eindrucksvolle, stimmgewaltige Auftritte. Die Robert-Schumann-Philharmonie unter Leitung von Domonkos Héja lässt den spätromantischen Klangzauber erblühen, ohne im bloß schwülstigen Klangrausch zu baden.

Das Publikum verfolgt die Premiere im vollen Haus mit gespannter Aufmerksamkeit und diskutiert in der Pause vor allem über die Sinnhaftigkeit der daumenlutschenden Minneleide-Assistentinnen. Der ungeteilte, anerkennende Bravo-Beifall gilt den Sängern und Darstellern genauso wie den Musikern im Graben und dem Regieteam.

Axel Göritz

Fotos: Theater Chemnitz
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Freitag, Dezember 05th, 2008 | Author: Jürgen R. Weber

OPERAPOINT 2.12.08 , Dr. Andreas Gerth

Chemnitz, Oper - DIE ROSE VOM LIEBESGARTEN

von Hans Pfitzner (1869-1949), Romantische Oper in zwei Akten, Libretto: James Grun; UA: 9. November 1901, Elberfeld
Regie/Bühnenbild: Jürgen R. Weber, Kostüme: Sven Bindseil, Choreographie: Lode Devos
Dirigent: Domonkos Héja, Robert-Schumann-Philharmonie, Chor und Kinderchor der Oper Chemnitz. Solisten: Erin Caves (Siegnot), Kouta Räsänen (Waffenmeister/Nachtwunderer), Andreas Kindschuh (Sangesmeister), Astrid Weber (Minneleide), Jana Büchner (Schwarzhilde), Tiina Penttinen (Rotelse), André Riemer (Moormann), Alisha Coon & Bert Uyttenhove (Zwittergöttin), Felipe Rocha (Siegnots Schatten), Ramona Capraro (Minneleides Schatten) Besuchte Aufführung: 29. November 2008 (Premiere)

Kurzinhalt
Es ist Frühlingsweihefest und Siegnot wird von der Herrscherin des Liebesgartens zum Wächter des Frühlingstores erwählt. Der Auserwählte soll mit einer Zauberrose den Eingang zum paradiesischen Reich gegen feindliche Mächte schützen. Am Tor Wache haltend begegnen Siegnot zunächst der Moormann und später die Elfenkönigin Minneleide. Siegnot verliebt sich in Minneleide und überreicht ihr als Liebespfand die zauberkräftige Rose. Als er die Geliebte in den Garten führen will, schreckt diese vor der unbekannten Welt zurück. Der Nachtwunderer dringt mit seinem Gefolge aus der Unterwelt hervor, Siegnot wird überwältigt und Minneleide in eine Berghöhle entführt. Siegnot gelangt mit Hilfe des Moormanns schwer verwundet ins Reich des Nachtwunderers, um Minneleide zu befreien. Der dunkle Herrscher will sie nur ziehen lassen, wenn es Minneleide gelänge, die Rose in den Liebesgarten zurück zu bringen. Die Elfenkönigin besteht die Probe nicht und Siegnot kämpft in größter Verzweiflung gegen den Nachtwunderer und seine Untergebenen. Alle sterben bis auf Minneleide. Nun findet Minneleide die Kraft, um zum Liebesgarten zu gelangen. Dort trifft sie am Tor den Winterwächter, der ihr den Weg versperrt. Es kommt zum Kampf, bei dem beide sterben. Der Liebesgarten erstrahlt und die Seelen von Minneleide und Siegnot werden zum ewigen Leben im Liebesgarten erhoben.
Aufführung
Anders als bei der zuletzt in Zürich 1998 gegebenen Aufführung des Werkes spielte man in Chemnitz die ungekürzte Fassung. Zwei Projektionsflächen flankieren die Bühne. Auf ihnen werden durchgängig erläuternde Texte eingeblendet, die die dargestellte Handlung kurz umreißen und durch ironische Anmerkungen des Nachtwunderers würzen. Im Vorspiel ist das Bühnengeschehen von einem durch Panzertüren gesicherten Innenraum bestimmt, der mit fantasy-märchenhaft anmutenden Details gespickt ist. In das bunte Bild fügen sich die Massen der Bewohner dieser Welt ein, die mit insektenartigen, futuristischen Kostümen die Bühne bevölkern. Siegnot ist als Mischung aus Fantasyheld mit übergroßem Schwert und Zauberrosen-Strahlenkanone ein Teil dieser Zauberwelt. Die Bühne des ersten Aktes und auch des Nachspiels wird von einem überdimensionierten Toilettenbecken dominiert, dem Eingang zur Unterwelt des Nachtwunderers. Sie wird von einem Rampenaufgang mit Vorhang zum Liebesgarten und durchbrochenen Seitenwänden flankiert. Die Welt des Nachtwunderers im zweiten Akt zeigt eine graue Basalthöhle, die einer Schaltzentrale gleich mit technischen Elementen versehen ist. Sie wird von übertrieben fetischbeladenen Wesen bevölkert. Der sich im Zentrum der Bühne befindliche Steinkoloß dreht sich im Verlauf der Handlung und erweist sich als Karl-Marx-Kopf. Diese Aktion ist dem Handlungsverständnis wenig dienlich und wirkt, insbesondere ohne weitere erhellende Reflexion in Kostümen oder weiteren Bühnenelementen, völlig deplatziert. Stärker wird die Aufführung wieder im Nachspiel, wenn unter Reduktion symbolträchtiger Elemente der Liebesgarten erstrahlt und die Scheinwerfer den Publikumsraum blendend erhellen.
Sänger und Orchester
Die gesanglichen Leistungen überzeugen bis in die Nebenrollen. Tiina Penttinen (Rotelse) und Jana Büchner (Schwarzhilde) sind hierbei besonders hervorzuheben. Ihr Gesang ist unangestrengt und doch bewegend. André Riemer wird seiner Rolle als Moormann durch angenehm zurückhaltend affektierte Betonung gerecht. Uneingeschränkter Star des Abends war Astrid Weber (Minneleide), die sowohl in den dramatischen Partien des Nachspiels an intensiver Ausdruckskraft gewann, als auch in den lyrischen Abschnitten mit gefühlvoller Bewegung überzeugte. Erin Caves (Siegnot) gelingt ein motiviert mitreißender Balanceakt zwischen heldischer und lyrischer Interpretation, wobei seine lyrischen Stärken in den Partien zusammen mit Astrid Weber voll erblühen. Kouta Räsänen ist in der Rolle des Waffenmeisters solide angelegt und füllt die Partie des Nachtwunderers mit eindringlicher Diktion aus.
Das in sich stimmige Bild der gesanglichen Geschlossenheit in Stärke und Ausdruckskraft des Ensembles wurde durch die Leistung des Orchesters untermauert. Die Robert-Schumann-Philharmonie spielte mit lebendiger Eindringlichkeit, wobei insbesondere die Streicher in sphärischen Abschnitten einen harmonisch tiefendynamischen Eindruck hinterließen. Die Chöre machten zudem in den Chortableaus des Vorspiels eine stimmlich glänzend durchtrainierte Figur.
Fazit
Eine insgesamt gelungene Produktion, die Appetit auf weitere „Ausgrabungen“ der Oper Chemnitz macht.
Dr. Andreas Gerth

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