Siegnot und Minneleide
Hans Pfitzners »Rose vom Liebesgarten« in Chemnitz
Knapp 60 Jahre nach seinem Tod wird um Hans Pfitzner noch immer gestritten. Der Streit geht kaum um sein kompositorisches Werk, sondern um fragwürdige politische Auffassungen und speziell um kritische Äußerungen zum Judentum, obwohl er mit nicht wenigen jüdischen Künstlern befreundet war. Wer sich mit anderen Meistern der Musik und der Dichtung beschäftigt, stellt fest, dass Pfitzner damit nicht allein dasteht. Diese Problematik lässt sich mit dem oft praktizierten Herausgreifen einzelner Äußerungen schwerlich klären, sondern bedarf endlich einer umfassenden Untersuchung im Zusammenhang mit der vielschichtigen gesellschaftlichen Entwicklung des 19. und 20. Jahrhunderts. Zudem verlangt deren Klärung die intensive Beschäftigung mit dem Werk der Künstler. Im Fall des national gesinnten Hans Pfitzner zeigt sich schnell, dass es in dessen Werk antisemitische, nationalistische oder gar chauvinistische Tendenzen nicht gibt. Er fühlte sich in seinem Schaffen den humanistischen Traditionen vor allem des 18. und 19. Jahrhunderts verpflichtet. Pfitzners jetzt im Opernhaus Chemnitz neu inszenierte, 1897/1900 entstandene romantische Oper »Die Rose vom Liebesgarten« beweist das nachdrücklich. Sie zeigt sich ganz von Pfitzners humanistischem Streben erfüllt. Man kann sie als heidnisches Gegenstück zu Wagners »Parsifal« verstehen.
Die Bewohner des Liebesgartens bilden eine ideale Gemeinschaft. Der nach dem freudig gefeierten Frühlingsfest zum Wächter des Frühlingstores ernannte Siegnot soll dem Garten neue Bewohner zuführen. Die Elfenkönigin Minneleide zieht Siegnot in ihren Bann. Als er sie nach einem groß angelegten Zwiegesang in den Liebesgarten führen will, kann sie dessen strahlendes Licht nicht ertragen. Sie gerät in die Fänge des Nachtwunderers, der sie in sein finsteres unterirdisches Reich entführt. Siegnot kann sie zwar befreien, findet dabei aber den Tod. Auf dem erneuten Weg zum Liebesgarten wird auch Minneleide getötet. Doch Stimmen der Gnade erwecken Minneleide und Siegnot.
In diesem Geschehen geben Hans Pfitzner und sein Librettist James Grun den Kräften der Liebe mehr Raum als denen der Finsternis. Der symbolhafte Schluss drückt die Hoffnung des damals 30-jährigen Komponisten aus, die Menschlichkeit möge sich behaupten. Diese Grundhaltung prägt Pfitzners gesamtes Werk.
Ein Problem seiner Opern liegt allerdings darin, dass sie keine so stringente Dramaturgie besitzen wie die des Vorbilds Richard Wagner. Dem wirkte Pfitzner mit seiner ausdrucksdichten Gestaltung der Singstimmen und des Orchesters entgegen. Er fand bei allen Verbindungen zu Wagner eine ganz eigene Melodieführung, Harmonik und Orchestrierung. Zumal die Harmonik erweiterte er bei grundsätzlicher Wahrung der Tonalität weit über deren Grenzen hinaus.
Der vom Opernhaus Chemnitz verpflichtete Regisseur Jürgen R. Weber nennt für die von den Autoren nicht fixierte Zeit der Handlung eine ferne Zukunft. Entsprechend entwarf Sven Bindseil Fantasiekostüme. Den gutartigen Moormann lässt er allerdings in einem hellen, zur Hälfte geschwärzten Anzug mit Schlips auftreten. Minneleide muss sich teilweise absolut nicht zu ihrem Gesang passende Erotik-Kostümierung gefallen lassen. Insgesamt zeigt sich Weber auf die Gestaltung eines intensiven Bühnengeschehens bedacht. Dabei erhielten die als Double der Hauptgestalten hinzuerfundenen Tänzer Schatten (Felipe Rocha), Schättin (Ramona Capraro) und Zwittergöttin (Alisha Coon und Bert Uyttenhove) sowie weitere Mitglieder der Tanzgruppe in der Choreografie Lode Devos’ umfangreiche Aufgaben. Als weniger sinnvoll erweisen sich die Aktionen des hinzuerfundenen Hausmeisters.
Die überzeugende Führung der Darsteller hatte wesentlichen Anteil am großen Erfolg der Premiere. Erin Caves als Siegnot und Astrid Weber als Minneleide bewältigen die großen Anforderungen ihrer Partien überzeugend. Ihr strahlend gesungenes großes Duett im ersten Akt schafft ein Höhepunkt. Ebenso beeindrucken Kouta Räsänen als Waffenmeister und Nachtwunderer sowie André Riemer als Moormann. Auch die kleineren Partien sind mit Andreas Kindschuh als Sangesmeister, Jana Büchner als Schwarzhilde und Tiina Penttinen als Rotelse stimmig besetzt. Der Chor und der Kinderchor der Oper Chemnitz, von Marys Adelyn Kauffman einstudiert, stehen auf der Höhe ihrer Aufgaben.
Schwierigkeiten entstanden durch die Erkrankung des Generalmusikdirektors Frank Beermann, der mit der Einstudierung begonnen hatte. Doch der Kapellmeister Domonkus Héja übernahm diese komplizierte Aufgabe kurzfristig, leitete die letzten Proben und dirigierte die Premiere, die vom MDR-Figaro mitgeschnitten und live übertragen wurde, mit großem Einsatz. Da bleibt an klanglicher Differenzierung allerdings noch manches zu tun, auch im Klangverhältnis zwischen Sängern und Orchester. Für die geplante CD-Produktion könnte der Tonregisseur da wohl schon manches geregelt haben.
Mit dem Blick auf den 140. Geburtstag Hans Pfitzners am 5. Mai und den 60. Todestag am 22. Mai 2009 vollbrachte die Oper Chemnitz eine große Tat, die zu einer sachlichen, unvoreingenommenen Beschäftigung mit dem bedeutsamen Werk Pfitzners führen und es dem Musik- und Theaterleben wieder erschließen sollte.
Nächste Aufführungen am 6. und 13. Dezember
