Hans Pfitzners ‘Rose vom Liebesgarten’ in Chemnitz
Kritik von Toni Hildebrandt

‚Seit der Walküre, erster Akt, ist etwas ähnlich Großartiges nicht geschrieben worden!’, schrieb Gustav Mahler – euphorisch wie selten – in einem Brief an Alma Mahler-Werfel. Das Werk, das Mahler so begeistert hatte, war Hans Pfitzners ‘Rose vom Liebesgarten’, eine romantische Oper, die seitdem in völlige Vergessenheit geraten ist.
Von der Seifenoper zum Musikdrama
Die Chemnitzer Oper hat nun Pfitzners bemerkenswerten Zweiakter neu inszeniert. Für die Produktion wurde dabei kein geringerer als Jürgen Weber gewonnen. Seit Schlingensief – so könnte man Mahler nun paraphrasieren – ‚ist etwas ähnlich Verrücktes nicht inszeniert worden!’ Jürgen R. Weber hat vom medialen Showspektakel bis hin zur absurden Märchenoper seine ganze überschäumende Phantasie ausgepackt und ist dabei keineswegs übers Ziel hinaus geschossen. Dass viele Elemente geradezu kinematographischen Charakter haben, liegt schon in der Natur seines Schöpfers. Denn Weber wandte sich unmittelbar nach seinem Studium bei Götz Friedrich zunächst dem Fernsehen zu und ‚spielleiterte’ dort einige bekannte und weniger bekannte ‚Seifenopern’ (GZSZ, Sturm der Liebe usw.). Doch in seinem bunten Lebenslauf finden sich ebenso unbarmherzige und konsequente Inszenierungen, bei denen er sich als innovativer Theatermacher präsentierte: ‘Die Leiche im Sack’ oder der ‘Der Graf von Luxemburg’ waren beides große Erfolge an ihren Spielstätten in Erfurt und Leipzig. Bei aller Ambivalenz kann man Weber auch bei seinem Chemnitzer Operndebüt wohl eines kaum vorwerfen – und das ist Populismus. Dass sein Pfitzner innovativ und extrovertiert werden sollte, bahnte sich schon im Vorfeld an. So wurde die Entstehung der Opernproduktion mit einem eigenen, äußerst humorvollen Blog im Internet begleitet (www.rosevomliebesgarten.de) und auch die international auserwählte Besetzung versprach bereits eine sehr viel versprechende Aufführung. Webers ‚Fantasy-Oper’ hat diese Versprechen vollends eingehalten und ist nach Mascagnis ‘Iris’ und Nicolais ‘Il Templario’ eine weitere beeindruckende Wiederentdeckung am Chemnitzer Opernhaus.
Von Siegnot und Minneleide
Ein kurzer Blick auf das Namensverzeichnis der Oper genügt bereits und die Synopse mag den Einfluss noch mehr erhellen: Die ‘Rose im Liebesgarten’ ist in erster Linie Abarbeitung an Richard Wagner. Die Handlung ist entsprechend kryptisch und in ihren mythologischen Bezügen nicht leicht zu entschlüsseln. Wie beim ‘Ring des Nibelungen’ steht im Mittelpunkt des Werkes zunächst ein Symbol. Aus der Brust des Helden wächst eine Rose und diese besitzt magische Kräfte. Erst kürzlich hat Francis Ford Coppola die Rose ganz ähnlich mythologisiert. Bei Pfitzner ist sie jedoch nicht der Schlüssel zur Weisheit, sondern zur Liebe und dessen irdischem Garten. Ein langes Vorspiel präsentiert diesen ‚Locus amoenus’“, der als ‚Liebesgarten’ bei Pfitzner eine Art pseudogermanisches Paradies herbeiphantasiert. Bei Weber finden wir uns nicht weniger auf dem Boden der Tatsachen. Seine Zeitreise führt in eine Fantasy-Welt, die in einer Art Cyber-Space von Mutanten, Freaks und Außerirdischen bevölkert wird. Einige der zahlreichen absurden Szenarien mögen von Adventures oder Computerspielen inspiriert worden sein. Verwandlung ist dabei von Beginn an Trumpf und Pfitzners Oper lebt, wie Webers Inszenierung von den vielen Metamorphosen und verrückten Gestalten. So ist vom eigentlichen Liebesgarten nicht mehr viel übrig.
Dennoch erscheint nun hier die Sternenjungfrau, von Weber als ‚Zwittergöttin’ zur vierarmigen Medusa verdoppelt, und weiht ihren Helden Siegnot mit der Rose zum heiligen Hüter des Frühlingstors. Allein durch dieses Tor gelangt man in den Liebesgarten. Doch – wer hätte es gedacht? – Siegnot muss sich erst noch in die Elfenkönigin Minneleide verlieben. Ihr schenkt er mit der Liebe nun auch seine Rose und gibt damit sein Schicksal aus der Hand. Als Minneleide vom Licht geblendet aus dem Liebesgarten in den Wald flieht, gerät sie in die Fänge des Nachtwunderers, der mit seinem Gefolge das dunkle Gehölz bewohnt. Ein Moormann erinnert Siegnot jedoch beharrlich an seine ‚Not zu Siegen’ und gemeinsam dringen nun auch sie in die Unterwelt um Minneleide zu befreien. Als dies misslingt und Siegnot brutal zusammengeschlagen wird, kommt es zum teuflischen Pakt. Allein wenn es Minneleide gelinge, ins Licht des Liebesgartens zurück zu kehren um dort die Rose zu hinterlassen, kommt sie samt ihrem Geliebten frei. Andernfalls muss Siegnot sterben. Doch auch diesmal versagt Minneleide. Mit letzter Kraft gelingt Siegnot in einem finalen Kampf die Befreiung, die ihn allerdings selbst mit in den Tod reist. Erst jetzt erkennt Minneleide die Liebe Siegnots und schöpft daraus eine letzte entscheidende Kraft. Sie kehrt zurück zum Wintertor des Liebesgartens und besiegt den grausamen Winterwächter, doch auch sie wird dabei mit in den Tod gerissen. Unerwartet (oder erwartet) erklingen nun aus der Ferne Stimmen der Gnade. Die Seelen von Siegnot und Minneleide erheben sich zu ewigem Leben im Liebesgarten.
Zwischen Mythos und Trash
Bereits die zeitgenössische Kritik erkannte, dass das Libretto von James Grun – einem Jugendfreund von Hans Pfitzner – keineswegs dem Niveau der Musik entsprach und an manchen Stellen arg zu wünschen übrig ließ. Das mythische Pathos und die märchenhafte Grundstimmung gehen an keiner Stelle über den Parsifal hinaus. An vielen Stellen bleibt Pfitzner weit hinter der Dramaturgie Wagners zurück. Und doch ist es Jürgen R. Weber durchweg gelungen, die Personenkonstellationen interessant zu gestalten und eine klare Stringenz der Handlung heraus zu arbeiten. Äußerst belebend wirken die spektakulären Bühnen und die originellen Kostüme. Von der Jugendstil-Ästhetik und dem lyrischen Pantheismus eines Hans Thoma, der Pfitzners Werk zum Vorbild dienen konnte, ist dabei nicht mehr viel übrig geblieben. Stattdessen setzt Weber auf überschäumende Fantasy, Sadomasochismus, Martial Arts und Kitsch. Man assoziiert Schlingensief, den späten Pasolini oder Jonathan Meese, denkt an Trash und Walt Disney oder an das, was heute vielleicht der Funktion der Oper am nächsten kommt, ans Kino ‚made in Hollywood’ – am ehesten irgendwo zwischen Tarantinos ‘Kill Bill’ und dem surrealen Lynch. Und doch funktioniert Webers unkonventionelle Inszenierung, vielleicht gerade aufgrund all ihrer Absurdität, gerade so erstaunlich gut. Schließlich war Pfitzners Oper bereits zur Entstehungszeit (1901) ein genauso verqueres Machwerk, das vom Jugendstil-Mythos bis zu einer nicht mehr genau definierbaren Religiosität alles in einen Topf warf, was die spätromantische Phantasie eines Wagner-Epigonen erlaubte.
Von den vielen gelungenen und ungewöhnlichen Ideen Webers einige herauszuheben fällt schwer. Äußerst gelungen sind sicherlich die Kommentare, welche jeweils links und rechts vom Bühnengeschehen erscheinen, und mit viel Ironie und Witz, zwar eigentlich die Oper ad absurdum führen, aber ihr im selben Atemzug eine neue, humorvolle Dimension eröffnen. Außerdem erleichtern diese Texte das Verständnis der Handlung und sorgen wie im Comic für kurzweilige Komik. Pfitzner – wer hätte das vorher gedacht? – kann durchaus auch unterhaltsam und witzig interpretiert werden. Das weiß man nun seit der Inszenierung von Jürgen R. Weber. Auch muss man die vielen innovativen Einfälle Webers allein schon deswegen loben, weil es nur so gelingt, eine Spannung und einen hohen Abwechslungsreichtum aufrecht zu halten, den die Oper im Prinzip nicht hergibt. Pfitzners Oper ist zwar durchweg gut komponiert, aber sie hat eindeutig Längen und ihr fehlt es an musikalischen Höhepunkten. Auf was Mahler in seinem überschäumenden Lob wohl abhob, war die bisweilen großartige Instrumentierungskunst Pfitzners, die von der Robert-Schumann-Philharmonie auch sehr ansprechend und gewohnt ausdifferenziert dargestellt wurde. Domonkos Héja, der kurzfristig für den erkrankten GMD Frank Beermann einspringen musste, merkt man die Vertrautheit mit der Partitur an, wenngleich natürlich die nötigen Vergleichsbeispiele fehlen, um ein differenzierteres Urteil über die Interpretation zu fällen. Neben dem äußerst überzeugenden Chor, ist das Gesangsensemble in den entscheidenden Rollen erstklassig besetzt. Erin Caves singt einen hervorragenden Siegnot. Stimmlich sicher und flexibel im Timbre überzeugt er besonders in den lyrischen Momenten und beweist sich einmal mehr als einer der ganz großen Heldentenöre im deutschen Raum. Seine Partnerin Astrid Weber überzeugt nicht weniger durch ihre intensive, ausdruckstarke und kraftgeladene Interpretation der Minneleide. Gesanglich enttäuschend ist eigentlich nur der Part des Nachtwunderers. Den finnischen Bass Kouta Räsänen mangelt es an Klarheit in der Artikulation und Diktion, über die sein Schauspiel nur unbefriedigend hinwegtäuschen kann. Der mit Sicherheit beste strategische Einfall Webers war die Integration des Balletts in die Oper Pfitzners. Unter der choreographischen Leitung von Lode Devos werden die stummen Rollen des Schattens (Felipe Rocha), der Schättin (Ramona Capraro) und der Zwittergöttin (Alisha Coon/Bert Uyttenhove) so zum einen vom restlichen Personal subtil abgehoben und sorgten zum anderen an vielen Stellen für eine, die Oper belebende, neue Dimension. Der meiste Applaus ging am Ende dann auch bezeichnenderweise nicht an die Sänger, sondern mit Felipe Rocha und Ramona Capraro an die besten Tänzer des Abends.
Hans Pfitzner heute?
Wenn man Pfitzners spätromantische Musik in der ‘Rose vom Liebesgarten’ hört und der Stringenz seiner kompositorischen Architektur folgt, kann man sich eigentlich nur wundern, dass dieses ‚seltsame Meisterwerk’ bis heute so wenig Beachtung gefunden hat. Sicher ist Pfitzner aufgrund seiner biographischen Verwicklungen in der NS-Zeit noch immer ein schwieriger Fall und keineswegs ein Publikumsliebling. Die kürzliche Kontroverse zwischen Ingo Metzmacher und dem Zentralrat der Juden hat dies deutlich gezeigt. An Fingerspitzengefühl sollte es nach wie vor nicht fehlen, wenn man Pfitzner auf die Bühne bringt. Dennoch sind gerade seine frühen, spätromantischen Werke schlichtweg zu gut komponiert, wenngleich Pfitzner nur an seltenen Stellen entscheidend über den Materialstand bei Wagner hinausgeht. Allein den Respekt den Pfitzners ‘Palestrina’ seit langem im internationalen Repertoire genießt, könnte durchaus auch der ‘Rose vom Liebesgarten’ zukommen – eine Oper, die im übrigen heute in keiner einzigen CD- oder Platteneinspielung verfügbar ist.
Eines kann man deswegen gewiss in Chemnitz lernen: ein bisschen weniger Strauss & Wagner, und dafür etwas mehr von Hans Pfitzner, Richard Wetz und von all den anderen längst vergessenen Opernkomponisten der Spätromantik würde doch sehr viel mehr Abwechslung in die Spielpläne der Opernhäuser bringen. Das Chemnitzer Publikum war jedenfalls ebenso positiv überrascht, wie begeistert.
(Die Produktion wird beim Klassiklabel cpo auf CD erscheinen.)